Große Tuba in kleiner Kirche – Konzert der etwas anderen Art
von Michael Cramer
Das vergangene Konzert in der Honrather Kirche, gespielt vom „Quartett am Ende der Zeit“ hatte die Fans Deutscher Schlager kaum an den fast gleichnamigen Schlager von Freddy Quinn (1985) erinnert, zumal das dortige Publikum eher nicht auf solche Musik abfährt. Nein, hier spielte eine neue und ungewöhnliche Musikformation zum ersten Male ein öffentliches Konzert, in Fachkreisen als „Besetzungspremiere“ benannt. Vor allem eine große Tuba, die in der kleinen Kirche noch nie live dabei war.
Im Herbst 2022 fanden sich vier herausragende Musiker zusammen und gründeten ein neues Quartett. Nicht ganz einfach beim Überangebot an derartigen Formationen; da musste schon etwas Ungewöhnliches her, und auch ein ausgefallener Name. Und auch ein ausgefallenes Instrument. Die Musiker wollten Grenzen überschreiten, und neue Klangwelten erschaffen. Notwendig war auch ein anderes Musikkonzept, weg vom klassischen Streichquartett, sondern hin zum „symphonischen „KammerJazz“. Was dies bedeutete, war in einem fantastischen Konzert live erlebbar; Original-Kompositionen verschmolzen mit Klassik und Popmusik, dazu kamen eigene Werke des Ensembles.
Das Konzert ist quasi eine Reise für die Seele, um das geöffnete Herz zu füllen, so Attila Benkö in seiner charmanten Einführung.
Er ist das Fundament des Ensembles, ein Musikant mit osteuropäischen Vorfahren und gelernter Maschinenbaumechaniker, der später aus der musikalischen Leidenschaft seinen Beruf machte. Seit 2005 ist er Mitglied der Philharmonie Südwestfalen / Landesorchester NRW in Siegen und mit seine Tuba der „Maschinenraum“ seines Orchesters, kreiert nebenbei spannende, publikumsnahe Konzertprogramme, ist landesweit gerngesehener Orchester- und Kammermusik Teamplayer und unterrichtet sein Instrument vom Anfänger bis zum angehenden Profi.
Und wer sonst ? Naomi Binder ist eine schicke österreichische CrossOver-Geigerin mit japanischen Wurzeln, mit stupender “vielsaitiger“ sehr ausdrucksstarker Technik, die mit Violine und Bratsche ihren ganz eigenen Glanz auf den Klangteppich ihrer Kollegen zu setzten weiß. Und dann Gero Körner, der ebenfalls in Köln lebende kosmopolitische Pianist, der mit virtuoser Ausdruckskraft sowohl klassisch aber auch jazzig und zeitgenössich brilliert. Der letzte im Bunde ist Roger Hanschel, als Saxofonist eine unbestrittene Koryphäe, als Musiker und Komponist weltweit unterwegs und auf zahlreichen Aufnahmen vertreten. Gerade wegen seiner exzellenten Technik und Virtuosität drängt er sich aber an keiner Stelle musikalisch vor.
Das Programm war entsprechend sehr bunt. Michael Nyman schrieb den „Song for Tony“, als eine kraftvolle Trauermusik für einen verstorbenen Freund. Andrea Falconieri (1585-1656) war ein fahrender Musiker der Renaissance, von ihm stammt die berühmte Chaconne „Componimenti Diversi“. John Shurman beschreibt in „Caithiness to Kerry“ eine Reise durch die schottischen Highlands – Gero Körner konnte hier seine hohe pianistische Qualifikation beweisen. „Was da weite Herz füllt“ ist eine Komposition aus der Feder von Roger Hanschel, der auch die „Eastern Folk Dances“ für das Quartett arrangiert hat. Der junge Schweizer Komponist Etienne Crausaz hat diese Musik in den Balkanländern gefunden, in den drei Sätzen erklingen abwechslungsreiche Oberstimmen, ein balkanesker Junggesellenabschied mit Zigeunergeige, stellvertretend auf der Tuba zelebriert. Im dritten Satz dann ein Volksfest zur virtuosen Hochzeit, wo nicht nur der Tanzboden glüht, sondern auch die Finger der Musiker über Saiten, Tasten , Klappen und Ventile jagen.
Nach der Pause wurde es dann besonnener. Jonče Hristovski war ein mazedonischer Sänger und Komponist von Volksmusik, und die Melodie seiner heimliche Nationalhymne „Makedonsko devojce“ (Mazedonisches Mädchen ) – wurde von Naomi Binder zu Beginn alleine zart, fast improvisierend in die Kirche getragen – was einfach wunderschön anzuhören war. Richtig fromm wurde es dann mit Johann Sebastian Bach und seinem Choral „Ich rufe zu Dir, Herr Jesus Christ“ BWV 639, eingeleitet per Solo – Saxophon mit einem Interlude von Roger Hanschel der hier mit der Spezialtechnik „Zirkular-Atmung“ verblüffte . Hier kehrte eine himmlische Ruhe mit langem Atem ein, ein spannender Kontrast zur bisherigen Musik.
Zum Schluss dann eine Suite aus „Maria de Buenos Aires“ der einzigen Oper des argentinischen Tango-Komponisten Astor Piazzolla. Der Tango Texter Enrique Santos Discepolo meinte dazu: „Der Tango ist der traurigste Gedanke der Welt, den man tanzen kann“. Das Quartett hatte die schönsten Momente aus der Oper zusammengetragen und von Steven Verhelst arrangieren lassen. Ein wahrer Glücksgriff.
Das sympathische Quartett verabschiedete sich nach dieser großartigen wie ungewöhnlichen Konzertreise mit „Guten Abend, gute Nacht“ von Johannes Brahms in einer ganz eigenen sehr behutsam jazzigen Fassung, bevor es zur „Nachlese“ in den Gemeindesaal ging. Gerne hätte man den Bach´schen Choral noch einmal gehört.
Man darf gespannt sein, welche musikalischen Abenteuer diese im wahrsten Sinne „Vier musikalischen Elemente“ (Feuer/Erde/Luft/Wasser) noch erleben werden.
Hinweis: Der WDR hat das Konzert mitgeschnitten, das Sendedatum steht noch nicht fest. Wird aber auf www.musik-honrath.de und über den E-Mailverteiler umgehend veröffentlicht.
Fotos: © Michael Cramer, Bernd Urban (1),Wolfgang Kaspers (1), Hintergrund-Text zu den Stücken: Attila Benkö
April 2026
März 2026
Honrather Weihnachtskonzert mit 34 Saiten plus Barockflöte
von Michael Cramer
Elf barocke Komponisten, zwölf Stücke, drei Musiker, 34 Saiten, 4 Instrumente, 250 Zuhörer (ausverkauft), und etwas Stress vor dem Konzert in Honrath
Die Konzertreihe „Musik in der Kirche Honrath“ existiert seit über40 Jahren, 6x im Jahr, immer sonntags um 17:00 Uhr. Im Anschluss stets eine „Nachlese“ im nahegelegenen Peter-Lemmer-Haus für Zuhörer und die Musiker, dazu immer leckeres Festes und Flüssiges (ausgenommen 2. Weihnachtstag). Der Vorstand unter Dr. Franz Wingen und die künstlerische Leiterin Marita Cramer bereiten jedes Konzert sorgsam vor, so dass eigentlich immer alles klappt -bis auf das letzte Mal. Da mussten von den vier Musiker die Hälfte kurzfristig absagen, aus wichtigen privaten Gründen. Und nun ? Ganz einfach: Aus vier wurden drei, aus dem Quartett ein Trio, ein gut bekannter Theorbenspieler wurde aktiviert, und ein neues Abendprogramm mit ganz anderen Stücken musste her. Die aber erst einstudiert werden mussten, was für die Profis natürlich machbar war.
Die wunderbar klingende barocke Traversflöte ist das Instrument von Sophia Aretz; sie ist damit europaweit unterwegs, vielfältig ausgezeichnet und spielt staunenswert mit hoher Präzision, mit unglaublichem Tempo, mit Leichtigkeit und dennoch voller Musikalität. Einfach toll!
Aus Spanien stammt Amarillis Dueñas Castán, sie spielt Viola da Gamba, die vergessene, schüchterne „Königin des Barock“, ein hübsches 6-saitiges historisches Instrument ähnlich dem Cello. Auch sie wird in der Presse hochgelobt, ihr Spiel ist ausgewogen zwischen Genauigkeit, Intuition und Heiterkeit. Für nachhaltige Veganer: Die Saiten der Gambe können inzwischen alternativ aus Zuckerrohr bestehen.
Der „dritte Mann“ ist ein Japaner, Yuichi Sasaki spielt eine kleine historische Gitarre und die Theorbe, ein in Italien um 1580 entwickeltes Zupfinstrument von knapp zwei Metern Länge und mit 24 Saiten. Auf Reisen nicht gerade gut zu verstauen- es gibt aber klappbare Sonderanfertigungen. Er hat in Köln mit Masterabschluss studiert, ist ein sehr gefragter Kontinuo-Spieler und auch als Solist unterwegs. Wenn auch die Literatur für diese Instrument bis auf die Komponisten Alessandro Piccinini und Johann H. Kapsberger, beide im 17. Jahrhundert, eher rar ist. Es war sehr reizvoll, diese zarte und warme Musik hier mal solo zu erleben.
Die Musiker moderierten reihum das Konzert selbst, sehr sinnvoll, da die Komponisten aus dem 16. Jahrhundert weniger bekannt sein dürften. Man wechselte sich ab mit einer Sonate von G. Platti, mit einem Solo der Gambe (A. Forqueray) , mit einer Sonate für Flöte und Continuo von M. Blavet, und einer Suite für die Flöte (M. Marais); dazu zwei Solostücke „La Arpeggiata“ und Romanesca“ der bereits genannten Komponisten für Theorbe. Die Instrumente konnten in der Pause ausgiebig begutachtet und bewundert werden. Nach einer Suite von M. Marais, einem berühmten französischen Gambisten, folgte eine Sonate, zuschrieben dem bekannten J. S. Bach, aber vielleicht auch von einem seiner Schüler.
Yuichi Sasaki hat selbst ein Stück komponiert im Stile des italienischen Barock, die „Toccata Weihnachtsmann“, man sah die meisten Zuhörer leicht lächelnd und im Geiste mitsummen. Sehr hübsch. Nach einem weiteren Theorbenstück von Kapsberger „Canario“ ging mit einer Suite von R. de Visée und einer kleinen weihnachtlichen Zugabe ein barockes wie buntes Konzert zu Ende. Mitnichten ermüdend wie so oft bei derartiger Musik über zwei Stunden, sondern frisch und abwechslungsreich. Quasi kurzweilig, so wie es in den beliebten Honrather Konzerten immer ist. Und leider ohne „Nachlese“. www.musik-honrath.de
Eine erfreuliche Besonderheit muss noch vermeldet werden: Die „Bürgerstiftung Lohmar“ www.buergerstiftunglohmar.de hat für die Honrather Konzertreihe 1000.-€ gestiftet. Hier der Text auf deren Webseite: Bürgerstiftung fördert Konzerte in der Honrather Kirche.
Tägliche Fingerübungen sind für Musikerinnen und Musiker ein Muss, aber auch jene, die Konzertprogramme organisieren, brauchen neben Fachkompetenz Fingerspitzengefühl. Das weiß Marita Cramer, die künstlerische Leiterin des Förderkreises für Musik in der Kirche Honrath. Seit Jahrzehnten hält sie Ausschau nach hochprofessionellen Musikerinnen und Musiker, wobei sie Wert darauflegt, „möglichst viele Gattungen zu präsentieren von Barock und Klassik bis hin zum Jazz.“
Musik ist ihre Leidenschaft (v. l. n. r.): Gabriele Willscheid, Sophia Aretz, Amarillis D. Castan, Yuichi Sasaki, Dr. Herbert Schäfer, Marita Cramer, Dr. Franz Wingen, Elisabeth Reisert und Georg Kayser.
Um Barock muss sie sich freilich keine Sorgen machen. Das ist das Metier von Prof. Dr. Franz Wingen. Immer wieder ist der Vorsitzende des Förderkreises als Bach- und Barockexperte vor allem in Leipzig unterwegs und holt junge Virtuosen nach Honrath. Zusammen mit seinem Stellvertreter Dr. Herbert Schäfer und Schatzmeister Georg Kayser sowie den weiteren Vorstandsmitgliedern wie Elisabeth Reisert ist daraus ein eingeschworenes Team erwachsen, das seit nunmehr 40 Jahren der Stadt Lohmar Kultur auf höchstem Niveau beschert.
Das weiß auch der Vorstand der BürgerStiftungLohmar zu schätzen. „Wir unterstützen den Förderkreis immer wieder gerne“, betonte Geschäftsführerin Gabriele Willscheid und überbrachte beim jüngsten Konzert auch gleich eine stolze Fördersumme von 1.000 Euro. Denn: „Es ist uns bewusst, dass für die Finanzierung dieser hochkarätigen Konzerte das Eintrittsgeld allein nicht reicht.“
Dass die Förderungen der Bürgerstiftung gut investiert sind, davon konnte sich die Geschäftsführerin dann selbst überzeugen. Mit Werken des Barocks sowie Alter Musik begeisterten Flötistin Sophia Aretz, Cellistin Amarilis Dueñas Castan und der Gitarrist Yuichi Sasaki ihr Publikum. Zudem überraschte Sasaki, der für gleich zwei Kollegen einspringen musste, mit einer heiteren Eigenkomposition, bevor das Konzert mit tosendem Beifall und einer eher besinnlichen Zugabe endete.
Freilich beeindruckt die Stiftung neben der hochwertigen Kultur vor allem das große ehrenamtliche Engagement. „Das verdient einfach eine Belohnung“, betont Gabriele Willscheid. In der Tat: Von der Talentsuche bis hin zum Stühlerücken vor und nach den Konzerten ist sozusagen alles hausgemacht. Dazu gehört auch ein kleiner Imbiss mit Getränken zum Gedankenaustausch nach dem Musikgenuss im Peter-Lemmer-Haus. So werde nicht nur das Kulturleben in der Stadt bereichert, sondern auch das gesellschaftliche Miteinander, lobt die Geschäftsführerin: „Musik verbindet Menschen. Und das ist für unsere Stiftung maßgeschneidert.“
Dezember 2025
Jahresprogramm 2026
Die schönste Harmonie entsteht durch zusammenbringen der Gegensätze
Heraklit
Laden Sie hier unser Jahresprogramm als PDF herunter.

Sonntag, 8. März 2026 – Konzert um 17 Uhr
Klangwelten im Wandel

Sonntag, 19. April 2026 – Konzert um 17 Uhr
Was weite Herzen füllt

Sonntag, 31. Mai 2026 – Konzert um 17 Uhr
Die drei großen „B“s der Musik: Beethoven – Brahms – Bartok

Sonntag, 6. September 2026 – Konzert um 17 Uhr
Beethovens Dialoge: Der Fall Kreutzer

Sonntag, 11. Oktober 2026 – Konzert um 17 Uhr
Bilder einer Ausstellung

Samstag, 26. Dezember 2026 – Konzert um 17 Uhr
Konzert am zweiten Weihnachtstag






























