Honrather Weihnachtskonzert mit 34 Saiten plus Barockflöte

von Michael Cramer

Elf barocke Komponisten, zwölf Stücke, drei Musiker, 34 Saiten, 4 Instrumente, 250 Zuhörer (ausverkauft), und etwas Stress vor dem Konzert in Honrath

Die Konzertreihe „Musik in der Kirche Honrath“ existiert seit über40 Jahren, 6x im Jahr, immer sonntags um 17:00 Uhr. Im Anschluss stets eine „Nachlese“ im nahegelegenen Peter-Lemmer-Haus für Zuhörer und die Musiker, dazu immer leckeres Festes und Flüssiges (ausgenommen 2. Weihnachtstag). Der Vorstand unter Dr. Franz Wingen und die künstlerische Leiterin Marita Cramer bereiten jedes Konzert sorgsam vor, so dass eigentlich immer alles klappt -bis auf das letzte Mal. Da mussten von den vier Musiker die Hälfte kurzfristig absagen, aus wichtigen privaten Gründen. Und nun ? Ganz einfach: Aus vier wurden drei, aus dem Quartett ein Trio, ein gut bekannter Theorbenspieler wurde aktiviert, und ein neues Abendprogramm mit ganz anderen Stücken musste her. Die aber erst einstudiert werden mussten, was für die Profis natürlich machbar war.

Die wunderbar klingende barocke Traversflöte ist das Instrument von Sophia Aretz; sie ist damit europaweit unterwegs, vielfältig ausgezeichnet und spielt staunenswert mit hoher Präzision, mit unglaublichem Tempo, mit Leichtigkeit und dennoch voller Musikalität. Einfach toll!

Aus Spanien stammt Amarillis Dueñas Castán, sie spielt Viola da Gamba, die vergessene, schüchterne „Königin des Barock“, ein hübsches 6-saitiges historisches Instrument ähnlich dem Cello. Auch sie wird in der Presse hochgelobt, ihr Spiel ist ausgewogen zwischen Genauigkeit, Intuition und Heiterkeit. Für nachhaltige Veganer: Die Saiten der Gambe können inzwischen alternativ aus Zuckerrohr bestehen.

Der „dritte Mann“ ist ein Japaner, Yuichi Sasaki spielt eine kleine historische Gitarre und die Theorbe, ein in Italien um 1580 entwickeltes Zupfinstrument von knapp zwei Metern Länge und mit 24 Saiten. Auf Reisen nicht gerade gut  zu verstauen- es gibt aber klappbare Sonderanfertigungen. Er hat in Köln mit Masterabschluss studiert, ist ein sehr gefragter Kontinuo-Spieler und auch als Solist unterwegs. Wenn auch die Literatur für diese Instrument bis auf die Komponisten Alessandro Piccinini und Johann H. Kapsberger, beide im 17. Jahrhundert, eher rar ist. Es war sehr reizvoll, diese zarte und warme Musik hier mal solo zu erleben.

Die Musiker moderierten reihum das Konzert selbst, sehr sinnvoll, da die Komponisten aus dem 16. Jahrhundert weniger bekannt sein dürften. Man wechselte sich ab mit einer Sonate von G. Platti, mit einem Solo der Gambe (A. Forqueray) , mit einer Sonate für Flöte und Continuo von M. Blavet, und einer Suite für die Flöte (M. Marais); dazu zwei Solostücke „La Arpeggiata“ und Romanesca“ der bereits genannten Komponisten für Theorbe. Die Instrumente konnten in der Pause ausgiebig begutachtet und bewundert werden. Nach einer Suite von M. Marais, einem berühmten französischen Gambisten, folgte eine Sonate, zuschrieben dem bekannten J. S. Bach, aber vielleicht auch von einem seiner Schüler.

Yuichi Sasaki hat selbst ein Stück komponiert im Stile des italienischen Barock, die „Toccata Weihnachtsmann“, man sah die meisten Zuhörer leicht lächelnd und im Geiste mitsummen. Sehr hübsch. Nach einem weiteren Theorbenstück von Kapsberger „Canario“ ging mit einer Suite von R. de Visée und einer kleinen weihnachtlichen Zugabe ein barockes wie buntes Konzert zu Ende. Mitnichten ermüdend wie so oft bei derartiger Musik über zwei Stunden, sondern frisch und abwechslungsreich. Quasi kurzweilig, so wie es in den beliebten Honrather Konzerten immer ist. Und leider ohne „Nachlese“. www.musik-honrath.de


Eine erfreuliche Besonderheit muss noch vermeldet werden: Die „Bürgerstiftung Lohmar“ www.buergerstiftunglohmar.de hat für die Honrather Konzertreihe 1000.-€  gestiftet. Hier der Text auf deren Webseite: Bürgerstiftung fördert Konzerte in der Honrather Kirche.

Tägliche Fingerübungen sind für Musikerinnen und Musiker ein Muss, aber auch jene, die Konzertprogramme organisieren, brauchen neben Fachkompetenz Fingerspitzengefühl. Das weiß Marita Cramer, die künstlerische Leiterin des Förderkreises für Musik in der Kirche Honrath. Seit Jahrzehnten hält sie Ausschau nach hochprofessionellen Musikerinnen und Musiker, wobei sie Wert darauflegt, „möglichst viele Gattungen zu präsentieren von Barock und Klassik bis hin zum Jazz.“

Musik ist ihre Leidenschaft (v. l. n. r.): Gabriele Willscheid, Sophia Aretz, Amarillis D. Castan, Yuichi Sasaki, Dr. Herbert Schäfer, Marita Cramer, Dr. Franz Wingen, Elisabeth Reisert und Georg Kayser.

Um Barock muss sie sich freilich keine Sorgen machen. Das ist das Metier von Prof. Dr. Franz Wingen. Immer wieder ist der Vorsitzende des Förderkreises als Bach- und Barockexperte vor allem in Leipzig unterwegs und holt junge Virtuosen nach Honrath. Zusammen mit seinem Stellvertreter Dr. Herbert Schäfer und Schatzmeister Georg Kayser sowie den weiteren Vorstandsmitgliedern wie Elisabeth Reisert ist daraus ein eingeschworenes Team erwachsen, das seit nunmehr 40 Jahren der Stadt Lohmar Kultur auf höchstem Niveau beschert.

Das weiß auch der Vorstand der BürgerStiftungLohmar zu schätzen. „Wir unterstützen den Förderkreis immer wieder gerne“, betonte Geschäftsführerin Gabriele Willscheid und überbrachte beim jüngsten Konzert auch gleich eine stolze Fördersumme von 1.000 Euro. Denn: „Es ist uns bewusst, dass für die Finanzierung dieser hochkarätigen Konzerte das Eintrittsgeld allein nicht reicht.“

Dass die Förderungen der Bürgerstiftung gut investiert sind, davon konnte sich die Geschäftsführerin dann selbst überzeugen. Mit Werken des Barocks sowie Alter Musik begeisterten Flötistin Sophia Aretz, Cellistin Amarilis Dueñas Castan und der Gitarrist Yuichi Sasaki ihr Publikum. Zudem überraschte Sasaki, der für gleich zwei Kollegen einspringen musste, mit einer heiteren Eigenkomposition, bevor das Konzert mit tosendem Beifall und einer eher besinnlichen Zugabe endete.

Freilich beeindruckt die Stiftung neben der hochwertigen Kultur vor allem das große ehrenamtliche Engagement. „Das verdient einfach eine Belohnung“, betont Gabriele Willscheid. In der Tat: Von der Talentsuche bis hin zum Stühlerücken vor und nach den Konzerten ist sozusagen alles hausgemacht. Dazu gehört auch ein kleiner Imbiss mit Getränken zum Gedankenaustausch nach dem Musikgenuss im Peter-Lemmer-Haus. So werde nicht nur das Kulturleben in der Stadt bereichert, sondern auch das gesellschaftliche Miteinander, lobt die Geschäftsführerin: „Musik verbindet Menschen. Und das ist für unsere Stiftung maßgeschneidert.“

Vergessener Zeitgenosse Schuberts

Komponist George Onslow stand im Zentrum des Konzerts mit Berliner Ensemble Tamuz

Von Peter Lorber – für den Kölner Stadtanzeiger

Lohmar. Angebot und Nachfrage gilt auch für die Musik. Insofern ist anzunehmen, dass die Beliebtheit, die George Onslows (1784-1853) Kompositionen zu seiner Zeit genossen, nicht von ungefähr kam. Seine 36 Streichquartette und 34 Streichquintette, was der Schaffensfreude eines Haydns mit 68 Quartetten entspricht, deuten darauf hin, dass er eine große Nachfrage nach Neuem, vor allem aus Deutschland, zu bedienen hatte. Wieso der Franzose mit britischen Wurzeln dennoch derart in Vergessenheit geriet, dass er kaum noch gespielt wird, lässt sich nicht erklären und ist kaum zu verstehen.

Jugendliche Unbekümmertheit

Welche höchsten Anforderungen seine Musik stellt, demonstrierte das Berliner Ensemble Tamuz, das am Sonntag im Rahmen der Honrather Konzerte in der Evangelischen Kirche gastierte. Das Quintett habe sich „die Kammermusik auf radikal andere Weise erschlossen“, teilt es mit. Es würden Originalpartituren verwendet, man mache sich mit den musikalischen Vorlieben früherer Zeit vertraut, entferne sich zudem von moderner Konzertsaal- und Aufnahmepraxis.

Dies und die jugendliche Unbekümmertheit der Berliner kam Onslows Streichquintett Nr. 23, op. 58 entgegen. Der Komponist wird zwar der Wiener Klassik zugeordnet, doch gehört es zu seiner Lesart, die Stücke mit virtuosem Bravourstil zu durchsetzen. So passten sein a-Moll-Quintett und die Aufführungspraxis von Tamuz zusammen wie der sprichwörtliche Deckel zum Pott.

Urwüchsig, kernig, bisweilen burschikos bahnte sich die Musik ihren Weg durch die Sitzreihen bis in den letzten Winkel des Gotteshauses. Da widersprach in Teilen schon das eröffnende „Allegro non tanto vivo“ der Anweisung, mit „nicht viel Leben“ zu spielen. Tempo, viele Unisono-Passagen mit verblüffender Synchronität bestimmten das Bild. Schnell wurde deutlich, welch ein Virtuose – wenn auch als Primus inter Pares – mit Hed Yaron-Meyerson die erste Geige spielt. Wohldosiert setzte er die Vibratos ein, ebenso die Triller und Arpeggios, immer den sorgfältigen Strich wahrend.

Wie etwa im 3. Satz, wo er der Bezeichnung „Allegro impetuoso“ folgte und „ungestüm“ das Ensemble anführte. Die Kollegen taten es ihm gleich, oft mit einem Lächeln die Spielfreude ausdrückend und mit wiegenden Körpern der Rhythmik Nachdruck verleihend.

Dem furiosen Auftakt folgte ein romantischer Mittelteil in bester Haydn-Manier mit feinen Motiven in allen Stimmen. Das „Adagio sostenuto“ stand im Zeichen der sonoren Klangfarbe der Celli von Victor Garcia Garcia und Constanca Ricard. Wobei Letztere immer wieder den Kontrabass gab und für ein sattes Fundament sorgte, auf dem Yaron-Meyerson und der zweite Geiger Diego Castelli geradezu zu tänzeln schienen. Entsprechend der Konzertlosung „Schubert trifft Onslow“ nahm sich das Ensemble nach der Pause Schuberts Streichquintetts C-Dur D956 vor. Der Wiener Romantiker ist Zeitgenosse Onslows, die beiden „Honrather“ Stücke entstanden im Abstand von neun Jahren, haben die gleiche Ausstrahlung, Vielschichtigkeit und Tiefe. So lag nahe, dass Tamuz dem schon immer gefeierten Schubert-Stück ebenfalls seinen Stempel so aufdrücken sollte, dass es zum Genuss wird. Er wahrte indes die Würde des bekannten Adagios und griff, etwa beim Scherzo des 3. Satzes und im Allegretto, wieder zu den Werkzeugen, die den Abend tief im Gedächtnis verankerten.

Die Freude komplettierte die erstmals erprobte Sitzordnung, bei der das Ensemble in der Mitte des Kirchenschiffs im Kreis saß, eng umgeben von mehreren parallelen Stuhlreihen. So nahe kommt man der Kammermusik selten, dass selbst der letzte Hauch des Bogenstrichs am Ende eines Decrescendi zu vernehmen war.