Seelenvoll und rasant

Das Leipziger Querflötenensemble Quintessenz brillierte in Honrath

von Peter Lorber

Lohmar. „Clair de Lune“, der dritte Satz aus seiner „Suite Bergamasque“ gehört zu den bekanntesten Melodien aus der Feder Claude Debussys. Der Franzose schrieb die Suite für Klavier, sie gehört zum Stammrepertoire der Piano-Gilde. Seltener sind Orchesterfassungen von „Mondlicht“, wie das Werk übersetzt heißt. Dass es auch von fünf Querflöten glühend entfaltet werden kann, demonstrierte das Leipziger Querflötenensemble Quintessenz bei einem grandiosen Konzert in Honrath. Die Schönheit des Clair-de-Lune-Themas liegt in seiner Einfachheit, die das Quintett genau mit dieser Intention ausführte. Bedächtig, Verzierungen und Schnörkel vermeidend, die romantische Schönheit umso deutlicher unterstreichend. Einzig der Mittelteil durfte facettenreicher erklingen, immer noch mit der wohlklingenden Seele, umgarnt von dezenten Läufen der Flöten auf einem flauschigen Continuo von Bassflöte (Christian Sprenger) und Altflöte (Bettine Keyser). 

Beide zählen mit Anna Garzuly-Wahlgren (Flöte) zur Stammbesetzung des Leipziger Vorzeige-Ensembles. Sie agierten und agieren wie die eingesprungene Piccolo-Flötistin Pauline Turrillo und Flötistin Ute Günther (Flöte) in exponierten Positionen großer Orchester,  darunter freilich das Gewandhausorchester, zudem auf Professoren- oder Dozentenstellen. Von gebündelter Virtuosität durfte da gesprochen werden, die spätestens in Marin Marais  (1656 – 1728) „Les Folies d’Espagne“ für Staunen und Begeisterung in der gut gefüllten evangelischen Kirche sorgte. 

Orgien sollen bei diesem Stück gefeiert worden sein, wusste Christian Sprenger. Zunächst zeichnete sich die Musik zwar zum Teil mit schöner Ornamentik aus, ließ aber die erwarteten Bilder vermissen – noch. Die Explosion gab es im letzten Drittel. Zunächst mit Konglomeraten aus wilden Trillern, Doppelzungen und atemraubenden Läufen in einer unglaublichen Rasanz. Feurig pulsierend, schreiend, polternd strebte das Quintett dem Klimax entgegen – freilich ohne auch nur in Nuancen vom richtigen Ton abzuweichen. Die nächste Anmoderation sorgte für Schmunzeln, als Bettine Keyser feststellte: „Ich bin jetzt ein bisschen außer Atem.“

Es folgten die klangprächtigen „Pièce en forme de Habanera“ und „Alborada del gracioso“ von Maurice Ravel. Wie schön und mit Kopfnicken im Auditorium honoriert, dass beide Kunstwerke, obwohl 21 respektive neun Jahre früher entstanden, einige Facetten aus Ravels populärstem Werk, dem 1928 komponierten „Bolero“, vorwegnahmen. Mit Bizets fröhlich herumtollendem „Jeux d´enfents“ (Kinderspiele), Debussys elegantem „Quatre Epigraphes Antiques“ und Lous Gannes „Andante et Scherzo“ folgten weitere Hochgenüsse in der „Poésie française“, wie die Leipziger ihr Programm nannten. Auch sie wurden mit einzigartiger Klangschönheit und orchestraler Fülle ausgeführt.

Rhein–Sieg–Anzeiger, 18. März 2023